Dienstag, 22. Oktober 2013

KSA#4 - der Prada Zipfel

Ich mache mich noch fertig, wenn die ersten Gäste schon in der Tür stehen, packe in letzter Minute, renne dem Bus hinterher, muss Taxi nehmen um den Zug nicht zu verpassen und ärgere mich jedes Mal fürchterlich darüber aber beim nächsten Mal mache ich es genauso. Ich habe auch die schlimme Angewohnheit, dass ich bei Projekten, die zu einem bestimmten Termin fertig sein müssen, kurz vor der Deadline immer ca. 90% der Arbeit fertig habe und das unabhängig vom Gesamtaufwand. Bei Terminen, die nicht zu verschieben sind, wird dann schon die Nacht durchgearbeitet und alles andere wird eben mit ein bisschen Verspätung abgeliefert. Es fehlt immer nur ein bisschen.

Nicht anders ging es mir am letzten Sonntag. Der Rock war größtenteils fertig und doch nicht so weit, dass ich zeigen und schreiben konnte, was ich ursprünglich geplant habe. Kurzzeitig habe ich sogar überlegt nur einen kurzen "der Stand ist so und so"-Post am Sonntag zu schreiben (was auch überhaupt nicht schlimm wäre), mich aber dann doch dagegen entschieden und den Sonntag dazu genutzt den Rock (fast) zu Ende zu nähen.

Beim 4. KSA-Treffen sollte es um den Rock, die Hose oder das Kleid gehen, also die Teile, die zusammen mit einer Jacke ein Kostüm ergeben. Catherine, die diese tolle Kostüm-Sew-Along Idee hatte, hat es so formuliert: Am 20. Oktober kümmern wir uns um den Rock (oder die Hose) und sind froh, dass wir das Schwierigste bereits hinter uns gelassen haben. Ja, das wäre sehr schön. Ich muss aber, wie viele anderen Mitstreiterinnen auch - alles zum Nachlesen im MeMadeMittwoch Blog -, an beiden Jacken noch weiterarbeiten, allerdings soll hier heute um den Rock gehen. Und was schreibt Catherine dazu: Der Rock ist im Vergleich zum Jackett schließlich nur noch ein Klacks! Jein, würde ich nur dazu sagen.

Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage ist der Burda-Zipfel tatsächlich ein Prada-Zipfel? habe ich beschlossen mich an der Quelle umzuschauen.


Leider gibt es keine fotografische Dokumentation meines Besuches. Man wird dort so gut bedient, dass man kaum eine freie Sekunde findet und ich konnte wirklich schlecht sagen: meine Damen ich will hier nichts kaufen nur ein paar Fotos machen. Hier also in Textform das, was mein fotografisches Gedächtnis ;-) scannen konnte:
  • der Prada-Zipfel ist ein Godet, das ganz von oben an einer (rechten) Seite eines Bleistiftrocks eingesetzt ist
  • das Godet wird oben von innen mit einem trapezartigen Einsatz in Form gehalten
  • der Rock ist ungefüttert und alle Nähte sind mit Hong-Kong-Finish versäubert
  • der Reißverschluss liegt in der Seitennaht
  • die Nahtzugaben der Seitennaht sind nach vorne gebügelt und abgesteppt
  • der Rock hat keinen Bund nur einen ganz schmalen Besatz, auch abgesteppt
  • der Saum ist nur mit Overlock versäubert, was aber stoffabhängig ist, d.h. es gibt auch Modelle, die einen "normalen" Saum haben
Jetzt ging es darum, das Gesehene in einen tragbaren Rock umzuwandeln. Nach einigen Überlegungen habe ich beschlossen keinen der Burda Zipfelschnitte zu nutzen und stattdessen einen einfachen Bleistiftrock-Schnitt zu nehmen. Das Godet sollte oben 13cm weit sein (das konnte ich auch während meines Besuches an der Quelle feststellen; unten habe ich bei der Gr. 38 ca. 90cm gemessen), also habe ich an der vorderen und rückwärtigen Rockbahn oben 6,5cm markiert und von diesem Punkt eine senkrechte Linie (wie der Fadenlauf) nach unten gezeichnet.


Zum Erstellen von Godet habe ich mich eines einfachen Tricks bedient. Endlich fand ich eine sinnvolle Verwendung für die breiten Fugen zwischen meinen Dielenboden, bis jetzt haben sie nur als Staubfänger gedient.

Godet zeichnen mithilfe von Stecknadel, Faden und Buntstift

Danach wurde alles zusammengeschustert und voilà, fertig ist der Rock.


Da die eine Seite des Rocks enganliegend ist und die andere durch das Godet Volumen hat, fand ich die Anpassung am schwierigsten. In der Taille könnte er ein bisschen enger sein, aber ändern werde ich das nicht mehr. Es fehlt noch der Saum, also nicht wundern, wenn man auf den Fotos noch irgendwelche runterhängenden Fäden entdeckt. Ich möchte den gesamten Rock auch noch um ca. 2-3cm kürzen. Hier ein paar Bilder aus dem Workroom.



Ich bin nicht jung und auch nicht hip, trotzdem gefällt mir der Rock. Wenn ich ihn anhabe fühle ich mich nicht zu adrett angezogen und das mag ich sehr.

Kommentare:

  1. Oh, das ist großartig! Die Recherche an der Quelle, das fotografische Gedächtnis, und nicht zuletzt der Rock. Der Zipfel wirkt genauso wie auf den Laufstegfotos von Prada! Jetzt ist mir auch klar, dass diese besondere Form nur mit einem formgebenden Einsatz innen funktionieren kann. Das wird wirklich gut.

    AntwortenLöschen
  2. Sehr interessant. Ich habe ja auch schon nachgesehen wie das verarbeitet wurde, bei Kaufmodellen. Aber nicht in solchen Läden.
    Hast du dir hinterher gleich Notizen gemacht, oder gleich verarbeitet. Ich hätte es wahrscheinlich vergessen bis dahin.
    Auf alle Fälle sehr interessant, und auch, daß am Godeteinsatz innen das noch in Form gebracht wurde.
    Ich freue mich auf Freitag und Samstag.
    lg monika

    AntwortenLöschen
  3. Auf diesen KSA-Beitrag habe ich mich nicht umsonst gefreut!
    Habe ich das richtig verstanden: Du hast in dem Nobelladen in der Königsallee dein Massband herausgeholt und den Rock ausgemessen??? Das ist ganz deutlich ein Nähnerd-Symptom! :)
    Interessant auch deine Arbeitsweise... ich habe selbst auch schon bemerkt ,dass die Fugen eines ordentlich verlegten Laminatbodens durchaus nützlich sein können... in meinem Fall allerdings beim Fotografieren... zum Herumrutschen auf dem Boden bin ich zu alt! ;)
    Mir gefällt der Rock auch!

    Liebe Grüße
    Immi

    AntwortenLöschen
  4. Dein Rock sieht großartig aus, an dir und mit diesen Schuhen! Ansonsten finde ich die Silhouette etwas gewöhnungsbedürftig; rechts eingestellt und links ausgestellt. Hier kommt es vermutlich entscheidend auf die Form des Oberteils an. Die Wahl des Stoffes war offensichtlich richtig. Er fällt weich und schön. Ich freue mich auf deine Tragefotos.
    Deine Herangehensweise um zu verstehen wie der Rock gearbeitet ist, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich überlege bei meinem geplanten grauen Rock auch einen Rock von Frau Beckham nachzunähen und würde das Original gerne mal probieren - allein, selbst wenn ich ihn fände (Saison W 13), in ihre Röcke würde ich nicht reinpassen.
    Gruß Mema

    AntwortenLöschen
  5. Mein Herz lacht! :-) Ein Klasse-Rock ist das, und deine Industrie-Spionage finde ich einfach nur vorbildlich! Wiedermal ein super Post mit großem Output, herzlichen Dank dafür! Und ja, der Rock steht dir ausgezeichnet, das ist ein ganz besonderes Stück, ich bin ehrlich begeistert und freu mich sehr auf dein Finale (egal wann! ;-).
    Liebe Grüße,
    Nastjusha

    AntwortenLöschen
  6. Ach ja, Agnes Obel spielt übrigens am 14.11. im Konzerthaus Dortmund, und es gibt noch Karten. Falls das in deiner Nähe ist und du hingehen magst...:-)
    Liebe Grüße!

    AntwortenLöschen
  7. Klasse gemacht, ich finde ja auch, dass der Zipfelrock etwas hat und es freut mich, dass du dich darin wohlfühlst.
    LG Susanne

    AntwortenLöschen
  8. Du Detektivin :-D Ich finde Deinen Rock total klasse. Es passt gut zu Deinem Stil: immer etwas Besonderes dabei und immer stylisch. Zur Zeit finde ich die Konstruktion auch sehr interessant. Ich bin aber noch nicht so weit wie Du.

    Liebe Grüße,

    Rong

    AntwortenLöschen